logo_buchsenhausen.gif

Bullet5 Aktuell
Bullet5 Künstlerhaus
Bullet5 Labor
Bullet5 Fellowship-Programm
Bullet5 Fellows
Bullet5 Tiroler KünstlerInnen
Bullet5 Büchs’n’Books
Bullet5 Büchs’n’Radio
Bullet5 Kontakt
Bullet5 Facebook
Bullet5 Twitter
Bullet5 Links
Bullet5 Suche
Bullet5 English
logo_kuenstlerschaft.gif
Labor: Events 2011/12

SPACE MATTERS

Susan Kelly, Ivana Marjanović feat. QueerBeograd, Sandra Schäfer, Lan Tuazon
Abschlussausstellung kuratiert von Andrei Siclodi
21.06. – 04.08.2012, NEUE GALERIE


Die Ausstellung SPACE MATTERS ist eine Produktion des Internationalen Fellowship-Programms für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen.

SPACE MATTERS beschäftigt sich mit der Rolle des Raums als eine Konstante künstlerischer Praktiken, die auf die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Artikulations- und Handlungsformen abzielen. Utopische, topologische, emanzipatorische und soziopolitische Denkansätze des Räumlichen bilden das konzeptuelle Gerüst, vor dem sich vier diskursive Positionen entfalten und ein differenziertes Spektrum an Fragestellungen aufzeigen.

Die Ausstellung ist Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Projekten, künstlerischen Vorstellungen und Arbeitsweisen der Teilnehmerinnen am Internationalen Fellowship-Programm für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen 2011-2012. Ihre künstlerischen Ansätze, Untersuchungsgebiete und Themen bildeten den Ausgangspunkt. Das kuratorische Konzept sah die schrittweise Entwicklung der Ausstellungsthematik und des Displays parallel zum Fortschreiten der Projekte der involvierten Künstlerinnen vor:

Susan Kelly untersuchte die Widersprüche und Möglichkeiten, die aus der Entdeckung, Umsetzung und dem Neuentwurf konvergenter Jurisdiktionen entstehen.
Ivana Marjanovićs theoriebasiertes Projekt untersuchte bestimmte Formen des kulturellen bzw. künstlerischen Ungehorsams, die nicht nur eine Kritik an der hegemonialen Ordnung durch die Analyse der Manifestationen von Machtverhältnissen artikulieren, sondern potenziell auch auf die Destabilisierung dieser Ordnung abzielen.
Sandra Schäfer fragte in Fortsetzung bisheriger eigener Arbeiten nach den Umständen, die dazu geführt hatten, dass die Gründung der Islamischen Republik im Iran 1978/79 von Menschen mit den unterschiedlichsten politischen Überzeugungen und aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Milieus kommend unterstützt wurde.
Lan Tuazon schließlich befasste sich mit der Ordnung der Dinge in Bezug auf bebaute und imaginäre Umgebungen, indem sie sich der Untersuchung architektonischer Utopien des Massenwohnbaus im Laufe der Geschichte widmete.

Spätestens seit der Formulierung der allgemeinen Relativitätstheorie, eigentlich bereits seit der grundlegenden Infragestellung der Alleinherrschaft euklidischer Geometrie Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Mathematiker G. F. Bernhard Riemann, kann „Raum“ nicht mehr als eine von BetrachterInnen bzw. von Zeit unabhängig existierende absolute dreidimensionale Größe betrachtet werden. Nichtsdestotrotz hat sich in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten am Selbstverständnis dieser absoluten Vorstellung des Raums als unveränderbarer Behälter im kollektiven Bewusstsein des Westens relativ wenig verändert. Wir vertrauen weiterhin primär unseren Sinnen, die uns mitteilen, dass der „Raum“, in dem wir uns bewegen und unser Leben gestalten, durch die massive Beschleunigung subjektiv betrachtet zwar „geschrumpft“ ist, jedoch weiterhin in der Dreidimensionalität tradierter Vorstellungen bleibt. Wenn man Raum jedoch als etwas Dynamisches begreift, als etwas, das zu einem bestimmten Zeitpunkt das jeweils vorläufige Resultat der Anordnungen von Körpern auf der Basis von Handeln definiert (Siehe Martina Löw: Raumsoziologie. Frankfurt am Main 2001. S. 35), eröffnen sich Betrachtungs- und Aktionsmöglichkeiten, die uns eher erlauben zu verstehen, wie Macht sozialen Raum strukturiert – einen sozialen Raum, der politisch nach wie vor mehrheitlich auf Grundlage der epistemisch obsolet gewordenen absoluten Raumvorstellung gedacht und verhandelt wird.

Es erscheint daher nur allzu klar, dass die vorgestellten Arbeiten in der Ausstellung Space Matters sich im weitesten Sinn mit Grenzen, mit Begrenzungen und ihrer Überwindung bzw. Infragestellung beschäftigen. Am Beginn steht die Behandlung des Utopischen – die Installation The Fault of Form von Lan Tuazon, eine durch eine Videoprojektion erweiterte dreidimensionale Skulptur („augmented sculpture“), die als Kirigami, eine alte japanische Handwerkkunst, hergestellt wurde. The Fault of Form - das war ein Grundtenor der Kritik am Massenwohnbau, der in den 1950er Jahren überall auf der Welt entstand. Durch die Verlagerung der Kritik auf die formale und die funktionale Ebene wurde der Blick indessen weggelenkt von den sozioökonomischen Voraussetzungen und Bedingungen, die schließlich zum Verfall dieser Gebäude und der dahinterliegenden Lebensvorstellungen führte. Tuazons Arbeit bezieht spezifische utopische Architekturen ein, um die Anwendung von turm- und begrenzungsähnlichen Konstruktionen zur Repräsentation des Idealen zu thematisieren: architektonische Utopien des Zusammenlebens, unter anderem Johann Valentin Andreaes „Christianopolis“ (16. Jh.) , Charles Fouriers „Phalanstère“ (18. Jh.), Malewitschs Suprematistische Stadt („Architektone“) (1920er Jahre), Chernikows Papierarchitektur (1950er Jahre) sowie prominente Beispiele des gebauten modernen öffentlichen Massenwohnbaus – Vele di Scampia bei Neapel (196er und 1970er Jahre) und Pinnacle at Duxton in Singapur (seit 2001). Mit der Kombination der Pläne und Motive dieser imaginierten und gebauten Sozial-Utopien in eine einzelne Raumstruktur formuliert Tuazon eine Meta-Utopie des gemeinsamen Lebens, die auch eine subjektive Geschichte utopischer Formen und Konzepte beinhaltet.

Die Hintergründe und Wege, die zur Konstituierung eines neuen politischen Raums führten, stehen im Mittelpunkt des filmischen Rechercheprojektes on the set of 1978ff von Sandra Schäfer. Die Konstitution des politischen Raums der Islamischen Republik Iran erscheint hier tatsächlich als das Ergebnis vielschichtiger sozialer und politischer Handlungen zahlreicher involvierter AkteurInnen in- und außerhalb des nationalstaatlichen Territoriums des Irans, der den Raum definierenden Körper, die hier sowohl als Individuen wie auch als Masse begriffen werden. Sandra Schäfer betreibt in ihrer gleichnamigen Zweikanal-Videoinstallation eine vielschichtige Investigation der Hintergründe, die zur Gründung der Islamischen Republik Iran führten. Sie schreibt zu diesem Projekt:
„Die Iranische Revolution 1978/79 führte zum Sturz des Schah-Regimes. Kurz darauf wurde die Islamische Republik Iran ausgerufen. Eine breite Basis von Linken und Arbeitern, Slum-Bewohnern und Bauern, Bürgerlichen – inklusive Feministinnen – sowie dem Klerus unterstützten den Umsturz. Diese Revolution wurde auch im internationalen Rahmen als anti-monarchistisch, anti-imperialistisch, nationalistisch und/oder religiös gelesen.
In der Videoinstallation on the set of 1978ff verfolge ich die Fragen, warum der politische Islam zu diesem Zeitpunkt eine bedeutende Rolle spielte und weshalb die Gründung der Islamischen Republik von vielen Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen und Fraktionen mitgetragen wurde. Ich betrachte die Iranische Revolution nicht als rein nationales Ereignis, sondern weite den Blick auf Verbindungen, Perspektiven und Rezeptionen in den Nachbarländern, den Mittleren Osten und den Globalen Norden aus.
Die Iranische Revolution als städtisches Phänomen rekonstruiere ich ebenso exemplarisch wie fragmentarisch anhand ihrer medialen Darstellung in Film, Fernsehen und Fotografie. Aus der Perspektive der Medienproduktion und -rezeption arbeite ich gemeinsam mit weiteren Beteiligten an einem Re-Reading der Ereignisse. Prozesse der Übermittlung und Übersetzung in verschiedene Kontexte sind ein Fokus der Betrachtung.
In der Zweikanal-Installation on the set of 1978ff werden unter anderem Beiträge aus dem bundesdeutschen Fernsehen, der BBC Persian, dem Time Magazine, Aufnahmen der Fotografen Hengameh und Kaveh Golestan, Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm 'Schah Matt' von Thomas Giefer und Ulrich Tilgner sowie Sequenzen über den Intellektuellen Ali Shariati eingearbeitet. Das historische Material verschränke ich mit Interviewsequenzen, Ausschnitten aus inszenierten öffentlichen Debatten und Textkommentaren.“ (zit. nach dem Begleitbooklet zur Ausstellung „The Urban Culture of Global Prayers“ in der NGBK Berlin. Berlin 2011. S. 44)

Susan Kelly schlägt in ihrer Installation Score for a Complex Scene (Partitur für eine komplexe Szene) eine Betrachtung des Räumlichen unter performativen Bedingungen vor. Auf drei Monitoren führen drei verschiedene Personen einfache, langsame Bewegungen vor bzw. nehmen spezifische Posen ein: Kreisen, Zeigen, Sich-Drehen, Stramm-Stehen. Die Figuren sind vor dem Hintergrund von Landschaftsaufnahmen collagiert, die die Künstlerin an Grenz-Orten zwischen Nord- und Südtirol aufgezeichnet hat. Es sind auf dem ersten Blick pittoreske Orte, an Seen, auf grünen Wiesen, an Autobahnen und Monumenten in der Landschaft. Denkt man jedoch diese Orte im Zusammenhang der Geschichte Südtirols, erlangen die Bilder eine weitere Bedeutung. Strommasten, aber auch im Produktionskreislauf damit verbundene Stauseen und Dämme: Das sind Symbole eines politischen Kampfes, der in der Feuernacht 1961 die Änderung des juridischen und politischen Status Südtirols eingeleitet haben. Durch das Collagieren wird in den Videos eine Anleitung zum Agieren formuliert, die keine spezifische Richtung, jedoch einen lokalspezifischen Hintergrund vorgibt und zentrale Momente charakterisiert, in denen sich Geschichte verändert hat. Letztendlich geht es der Künstlerin um eine neue Form der Aktion, die die BesucherInnen anhand von auf Karten angebrachten Instruktionen in Anlehnung an die konkrete Poesie von Décio Pignatari durchführen können. Darüber hinaus bezieht sich die „komplexe Szene“ im Titel auf einen gleichnamigen Theaterbegriff, der die Darstellung simultaner aber auch an unterschiedlichen Orten stattfindender Szenen auf einer Bühne beschreibt. Die gleichzeitigen Gesetzgebungen und Jurisdiktionen Tirols dies- und jenseits der nationalstaatlichen Grenze können in dieser Arbeit als eine „komplexe Szene“ verstanden werden: als ein „komplexes Territorium, das KartografInnen, KünstlerInnen und PolitikerInnen gleichermaßen herausfordert, dessen verknotete Geschichten, Herrschaftsformen und Orientierungen zu beschreiben.“ (Susan Kelly)

Die Praxis zur Konstitution eines emanzipatorischen Raums, der die Potenz aufweist, eine Kritik an der hegemonialen Dynamik eines scheinbar übergeordneten emanzipatorischen Diskurses zu formulieren, spielt eine zentrale Rolle im Projekt KVARenje queer-a (deutsch etwa: Störangriff auf Queer) von
Ivana Marjanović. Durch eine Analyse der Arbeitsweisen und -ansätze lokaler bzw. transnationaler Kollektive wie etwa QueerBeograd soll ein Bezug zwischen Nationalismuskritik, Konservativismus von im postkommunistischen Übergang befindlichen Staaten und der neokolonialistischen Realität in Osteuropa hergestellt werden. Ivana Marjanović schreibt zu ihrem Projekt:
KVARenje queer-a verfolgt eine Repolitisierung des Begriffs „queer“ durch die Hinterfragung der geopolitischen Determinanten, die die dominante Genealogie des Begriffsformen – eine Genealogie, die den „Osten“ zu einem Raum des Rückständigen zurückstuft. KVARenje queer-a fordert reduktionistische Ost-West-Binaritäten heraus, durch die Vorstellung alternativer Geschichten der Queer-Kultur, wie etwa dissidenter Strömungen innerhalb der queeren Bewegungen selbst, transnationaler Bestrebungen einer Redefinition des Queer-Seins sowie lokal konnotierter Produktion von Geschlechter- und Politikdifferenz durch Kunst, visueller Kultur, Aktivismus und Subkultur im ehemaligen sozialistischen Jugoslawien, sowie davor und danach.
KVARenje queer-a nimmt als Ausgangspunkt der Untersuchungen den Vorschlag des transnationalen Kollektivs QueerBeograd, queer im Serbischen als „kvar“ zu übersetzen. „Kvar“ meint die Fehlfunktion einer Maschine und bezieht sich bei QueerBeograd auf die Definition von queerer Politik als Konnex verschiedener Kämpfe gegen Unterwerfungen, wie den Anti-Kapitalismus, Anti-Rassismus, Anti-Faschismus, den feministischen / postfeministischen / queeren / LGBT-Kampf (LGBT ist die Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Trans (dt. Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans - Abkürzung für Transgender bzw. Transsexualität) gegen das Patriarchat und die Heteronormativität. „Kvar“ bedeutet, die Fehlfunktion in einer kapitalistischen, rassistischen, faschistischen und homophoben Gesellschafts-Maschinerie darzustellen und zu zelebrieren.
KVARenje queer-a präsentiert als rauminstallativer Diskurs ein Statement von Ivana Marjanović als Wandarbeit, die erste, eigens für die Ausstellung Space Matters selbstproduzierte Videodokumentation des Border Fuckers Cabaret von QueerBeograd sowie die Aufnahme der zweiteiligen Büchs'n'Radio-Sendung Queer politics in culture and arts – the case of Belgrade, in dessen Mittelpunkt der gleichnamige Vortrag von Ivana Marjanović steht.
Jet Moon (Mitglied des Kollektivs QueerBeograd) über QueerBeograd und Border Fuckers Cabaret:
QueerBeograd ist ein queeres antifaschistisches Kollektiv aus Serbien, das seit 2005 neben anderen Aktivitäten radikal-kulturelle Festivals organisiert. Herzstück des kulturellen Programms der Festivals war die Gründung eines politischen Theaters in der Form des Border Fuckers Cabaret. […]
Als Kollektiv haben wir unsere Arbeit immer darin begriffen, Verknüpfungen zwischen allen Aspekten unserer Gesellschaft herzustellen und zu verstehen, welche Wirkungen diese Faktoren auf uns haben und wie sie ein System der Unterdrückung perpetuieren. […]
In Queer Beograd Border Fuckers Cabaret, einer Show, die die Grenzen zwischen Nationen, Kulturen, Geschlechtern und Geschlechtigkeiten überschreitet, wurden Aktivisten und Aktivistinnen […] zu Performern. […]
Es handelt sich um ein queeres Kabarett, das Themen wie Antimilitarismus, Sexismus, Homophobie und Antikapitalismus verarbeitet und dabei Methoden wie Gelächter und sexiness einsetzt, um sein Publikum hin zu einer radikaleren politischen Sensibilität zu (ver-)führen. […]
Wir wollten uns ursprünglich mit dem Thema Grenzkontrollen im Zusammenhang mit Immigration und den durch die Europäische Union hervorgerufenen ökonomischen und kulturellen Folgen beschäftigen und darin ein Verständnis von queerem und antifschistischem Kampf einbetten. Letztendlich stellten wir eine Show zusammen, die Stücke zu einer Bandbreite von Themen wie Anhaltelager, Genozid, antifaschistischer Kampf und häusliche Gewalt, Kapitalismus sowie Homophobie und Transphobie enthielt. Das hört sich alles nicht besonders lustig an, doch wir sind der Überzeugung, dass es eine Frage der Darstellung ist. (Zitiert nach: Jet Moon: Queer Beograd Borderfuckers Cabaret. In: Kunst, Krise, Subversion. Zur Politik der Ästhetik. Hg.: Nina Bandi, Michael G. Kraft, Sebastian Lasinger. Bielefeld 2012. S. 293-302)


Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen können ab 20. Juni in der Neuen Galerie in Innsbruck besichtigt werden.
Kurator der Ausstellung ist Andrei Siclodi, Leiter des Künstlerhaus Büchsenhausen.

Im Rahmen der Ausstellung findet am Do 21. Juni, 18.00 Uhr ein Gespräch zwischen den Künstlerinnen und dem Kurator statt.


Die TeilnehmerInnen an der Ausstellung:

Susan Kelly
Ivana Marjanović
Sandra Schäfer
Lan Tuazon


Ausstellungsdetails:

SPACE MATTERS
Susan Kelly, Ivana Marjanović feat. QueerBeograd, Sandra Schäfer, Lan Tuazon
kuratiert von Andrei Siclodi

Eröffnung: Mi 20.06.2012, 19.00 Uhr
Gespräch zwischen den Künstlerinnen und dem Kurator: Do 21.06.2012, 18.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 21.06. – 04.08.2012
Öffnungszeiten: Di – Fr 10.00 – 12.00, 14.00 – 18.00 Uhr; Sa 11.00 – 17.00 Uhr
Ort: NEUE GALERIE, Rennweg 1 (Großes Tor Hofburg), 6020 Innsbruck
kvarenje-a.jpg
Space Matters: KVARenje queer-a